Essays
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A topic maybe too big for a text message
Die Wiesen des Campus vor meinem Fenster sind von weißem, hartem Schnee bedeckt. Das Fenster reicht von der Höhe des Weges, der direkt vor meinem Büro vorbeiführt, bis zur Decke. Vorher hat hier im Souterrain eine Professorin gearbeitet, die viele der Writers in Residence vor mir betreut hat – das Programm gibt es bereits seit 1986 –, aber jetzt radikal in Pension gegangen ist. Das Büro war leer bis auf ein Riesenposter an der Tür, das in 80er-Jahre-Hochglanz einen Felsenweg in Deutschland zeigte. Es sei sehr schäbig gewesen, hat jemand beim End-Semester-Lunch im Oaks gesagt, ich aber habe mich in dem Büro sofort wohlgefühlt.
In den ersten Tagen wanderte ich öfters durch das sandfarbene Backsteingebäude und entdeckte so den James-Baldwin-Raum – James Baldwin hatte Ende der 1970er-Jahre an der Bowling Green State University erst geschrieben und dann ein Trimester unterrichtet. Weil andere Lehrende hier in der Shatzel Hall oft ihre Türen offen stehen lassen, stellte ich mich gerne vor: »Hi, I’m Rosemary, I’m the new writer in residence.« Man beschwert sich in Wien ja gerne, die US-Amerikaner*innen tun nur so, als ob, die meinen das ja gar nicht so, aber mir hob die herzliche Freundlichkeit dieser kurzen Begegnungen, »so happy to hear«, die Stimmung, mein Lächeln fühlte sich an, als öffne sich etwas in mir, »thank you so much«.
Seid realistisch, fordert das Unmögliche! Wir spielen Fußball
Als ich gefragt wurde, ob ich bei einem Theaterprojekt zum Thema „1968“ mitmachen wolle, war ich zuerst einmal skeptisch. Meine bunte Strickweste vermodert im Vorzimmerkasten, mit dem Peace-T-Shirt hatte ich schon vor langem Küchenschränke trocken gewischt. Mein aktives politisches Aufbegehren hatte mit 18, 19 Jahren desillusioniert geendet. Die Umweltgruppe, bei der ich mich engagierte, hatte innerhalb zweier Jahre von basisdemokratischen Diskussionen zur Gesprächsleitung via eines kostenpflichtigen Mentors umgestellt. Bei der Ausländerproblematik wurde mir von beiden Seiten mit allzu vielen Schwarz-Weiß-Bildern gearbeitet. Auch ich hatte Janis Joplin und John Lennon gehört, aber Woodstock unterschied sich für mich kaum von heutigen Musikfestivals, bei denen man sich genauso im Schlamm wälzen kann, zugedröhnt von Drogen und Alkohol. Der aktionistische Künstler Hermann Nitsch sitzt in seinem Museum, wenn er nicht gerade seine ehemals radikalen Ideen im Burgtheater unter Applaus des Bundeskanzlers verwirklicht. Das konnte mir alles gestohlen bleiben. Das hatte mit meiner Welt nichts mehr zu tun.
prostory.net 2008
Texte auf Deutsch, Ukrainisch und Russisch
WAS DIE HORMONE TIPPEN
Können Sie sich vorstellen, mit Reich-Ranicki Sex zu haben, um rezensiert zu werden? Über „Fräuleinwunder“, „Literaturschlampen“ und „Tussenstorys“ oder: Was bitte ist „Frauenliteratur“?
(…)
Männer beschäftigen sich mit Daniel Kehlmann, Heinrich von Kleist und James Joyce. Kennen Sie einen dummen lesenden Mann? Sie nicken? Den dummen lesenden Mann gibt es aber nicht, kann ich Ihnen als lesende Frau versichern, die unter ihrem Bett die Bücher versteckt, bei deren Entdeckung mir ein lebenslängliches Redeverbot erteilt werden würde. Wenn ein Mann von sich behauptet, Schund zu lesen, nimmt er genießerisch Perry Rhodan oder seine alten Karl-May-Bände aus dem Regal. Superman-Comics sind Kult und haarsträubende Science-Fiction-Geschichten zeugen von reicher Fantasie. Würden aber Frauen nicht so einen Schund lesen, bräuchten andere Frauen wie Frau Lind nicht so einen Schund zu schreiben, um reich zu werden.
Spectrum, Die Presse, 7. Juli 2007